Per Postschiff nach Indochina? Mit dem Orientexpress ins Osmanische Reich? Über das paschtunische Stammesgebiet an die afghanische Grenze fahren? Oder doch lieber mit dem Kamel durch die tunesische Wüste schunkeln? All diese Reisen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Werbeplakaten angepriesen. Internationale Reiseunternehmen versuchten damals auch in der Schweiz Abenteuer- und Reiselustige für «exotische» Ferienorte zu begeistern. Ermöglicht wurden diese Reisen durch den Ausbau der grenzüberschreitenden Verkehrsverbindungen, die eine immer schnellere und bequemere Anreise in entfernte Destinationen erlaubten.
Einige Plakate, mit denen um Schweizer Kundschaft geworben wurde, fanden ihren Weg in die Plakatsammlung von SBB Historic. Die Plakatsammlung bietet einen Einblick in die Ikonografie, mit denen die internationalen Unternehmen um Kundschaft buhlten. Die abgebildeten Motive der Bilder geben die stark verzerrte europäische Perspektive auf die damals vielfach noch unter Kolonialherrschaft stehenden Gebiete wieder. Dabei wurden die Bewohnerinnen und Bewohner und der Alltag ausserhalb Nordwesteuropas mit Hilfe des Rückgriffs auf Stereotypen und exotisierende Darstellungen wiedergegeben.
Die Plakatsammlung zeugt somit nicht nur von fernen Sehnsuchtsorten, sondern auch von den damals in den europäischen Gesellschaften fest verankerten kolonialen Bildern ferner Länder und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. So wurden bspw. die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas zur Projektionsfläche westlicher Vorstellungen eines zu Europa gegensätzlichen, exotischen Orients. Erkennbar werden diese Vorstellungen anhand der hier abgebildeten Plakate. Sie zeigen Bilder, die zwischen einer idealisierten Darstellung von vermeintlich naturverbundenen Beduinen, der Exotik aus 1001 Nacht und einer von den Schrecken der Zivilisation unberührten, aber durchaus auch gefährlichen, vermeintlich rückständigen Welt schwankt. Trotz aller vermeintlicher Exotik ferner Reisedestinationen zeugen die Plakate aber auch von einer am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer stärker verflochtenen und somit näher rückenden Welt.
Bilder zum Blog:
Abbildung 1: Steyrermühl, Wien, CHEMINS DE FER ORIENTAUX, Compagnie des Chemins de fer Orientaux (CO oder CFO) (1870-1937), ca. 1890-1920, Lithografie, P_C07_0007fr.
Abbildung 2: Dellepiane, David (1866-1932), Cie. des MESSAGERIES MARITIMES Paquebots-poste français., Compagnie Paris-Lyon-Méditerranée (PLM) (1857-1938), ca. 1900-1920, Lithografie, P_C08_0045fr.
Abbildung 3: Bagdatopoulos, William Spencer (1888-1965), Indian State Railways VISIT INDIA Khyber Pass, Indian State Railways, ca. 1924-1930, Lithografie, P_C07_0019en.
Abbildung 4: Alési, Frederic Hugo d' (1849-1906), TUNISIE Chemins de fer P.L.M., Compagnie Paris-Lyon-Méditerranée (PLM) (1857-1938)1891, Lithografie, P_C02_0019fr.
Abbildung 5: Lamplough, Augustus Osborne (1877- 1930), Chemins de fer de l'Etat Egyptien "CREPUSCULE EN EGYPTE", Ägyptische Staatsbahnen, 1911, Lithografie, P_C07_0002fr.
Abbildung 6: Bourgeois, Eugène (1855-1909), Cie. Gale. Transatlantique., Compagnie Paris-Lyon-Méditerranée (PLM) (1857-1938), vor 1896, Lithografie, P_C02_0002fr.
Literatur:
Dejung, Christoph: Überseehandel, in: HLS online, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/060534/2024-04-16/, Stand: 16.04.2025.
Etemad, Bouda: Kolonialismus, in: HLS online, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/026457/2024-09-18/, Stand: 18.09.2024.
Kuratli, Andrea: Die Eisenbahn verbindet die Welt, in: SBB Historic Online-Blog, https://www.sbbhistoric.ch/blog/die-eisenbahn-verbindet-die-welt, Stand: 20.10.2020.
Landesmuseum Zürich (Hrsg.): Kolonial. Globale Verflechtungen der Schweiz. Schulunterlagen Sekundarstufe I und II, in: Zürich 2024.
Schär, Bernhard C.: Rassismus, in: HLS online, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/060537/2024-04-08/#HVerwissenschaftlichungdesRassismus, Stand: 08.04.2024.
Tognina, Andrea: Koloniale Sichtweise eines Schweizer Multis, in: Swissinfo, https://www.swissinfo.ch/ger/wirtschaft/koloniale-sichtweise-eines-schweizer-multis/46034080, Stand: 15.09.2020.