Die Jura-Simplon-Bahn lanciert den Bau des Simplontunnels
«Simplon–Suez»: eine Vision der 1860er-Jahren beschreibt eine Eisenbahnverbindung aus dem Wallis durch den Simplon nach Norditalien und verknüpft diese gedanklich mit den globalen Verkehrsrouten. Simplon–Suez impliziert eine Bahnlinie von internationalem Format. Es ist die Weiterentwicklung einer Idee, die schon seit vielen Jahren vorliegt. Konkrete Schritte wurden bisher aber durch Partikularinteressen verschiedener Regionen und Bahngesellschaften gelähmt. Erst mit der Konstituierung der Jura-Simplon-Bahn (JS) 1890 wird das Projekt wieder aktuell. Die neue Bahngesellschaft verfügt über ein auf zehn Kantone verteiltes Streckennetz von knapp 1000 km Schienen und zudem über eine gewisse finanzielle Robustheit. Sie unterbreitet 1891 dem Bundesrat ein baureifes Projekt eines Simplonbasistunnels von 19'731 m Länge, 1893 folgt eine verbesserte Version mit einer Länge von 19'803 m. Nachdem ein internationales Expertengremium das Projekt positiv bewertet, will auch der Bundesrat aufs Tempo drücken: er schickt im Juli 1895 einen Vertragsentwurf nach Rom. Im November unterzeichnen Italien und die Schweiz in Bern den bilateralen Staatsvertrag. Dieser legt die Verbindung der beiden Eisenbahnnetze und die technische Ausführung der internationalen Linie fest, regelt Subventionen, Zollfragen und Baufristen. Ein Jahr später folgt das Abkommen zwischen Italien und der JS, das Bau und Betrieb der Linie von der Landesgrenze bis Iselle regelt. Mit dem endgültigen Bauvertrag vom 15. April 1898 beginnen die Tunnelarbeiten.
Verstaatlichung während laufendem Projekt
1898 ist auch das Jahr, in dem die Schweizer Stimmbevölkerung sich deutlich für eine Bundesbahn ausspricht. Die beschlossene Verstaatlichung der Privatbahnen verleiht dem ambitionierten Simplonprojekt noch mehr Komplexität. Im neuen Gesetz verpflichtet sich der Bund unter Artikel 49, als Rechtsnachfolger der JS eine Eisenbahn durch den Simplon zu realisieren. Er übernimmt alle Rechte und Pflichten hinsichtlich Bau und Betrieb dieser Eisenbahnlinie. Die Einigung auf den Rückkauf der JS im August 1901 setzt einen langwierigen Prozess in Gang: von allen finanziell Beteiligten muss die Zustimmung eingeholt werden, etwa von der Dampfschifffahrts-gesellschaft des Genfersees, der Gemeinde Montreux, der Sparkasse von Mailand oder Italien selbst, um nur ein paar wenige zu nennen. Schliesslich liegen aber alle Einwilligungen vor und die Konzession für Bau und Betrieb der Linie geht von der JS an den Bund über. Fortan werden Simplon-Angelegenheiten durch eine schweizerisch-italienische Kommission geregelt, ihr gehören unter anderem die sieben Bundesräte an. Den Vorsitz führt von Amtes wegen der Präsident der Generaldirektion der SBB.
«Am 26. Oktober 1903 schlug der Vortrieb eine erste heisse Quelle von 49 Grad an, am 22. November eine zweite von 50 Grad. Beidemal ersoff der Stollen vollständig bis zum Kulminationspunkt hinauf.»
Beim Tunnelbau bereiten Bergdruck, Wasserzufluss und aussergewöhnlich hohe Temperaturen grössere Probleme. «Am 26. Oktober 1903 schlug der Vortrieb eine erste heisse Quelle von 49 Grad an, am 22. November eine zweite von 50 Grad. Beidemal ersoff der Stollen vollständig bis zum Kulminationspunkt hinauf.» ist einem Erinnerungsbericht zu entnehmen. Die Arbeiten verzögern sich. Wertvoll erweist sich aber die Idee von Ingenieur Alfred Brandt, zwei parallel verlaufende Tunnelröhren zu bauen. Sie ermöglichen den Abfluss von Wasser und den Betrieb eines Lüftungssystems.
… und vollendet die Simplonlinie
So schlicht das abgebildete Telegramm wirkt, so bedeutend ist seine Botschaft: am 24. Februar 1905 um 7 Uhr 20 gelingt der Durchstich. Nach knapp 6.5 Jahren Bauzeit ist es gelungen, eine Verbindung zwischen dem Rohnetal und dem Val Divedro zu schaffen. Ein Freudentag für viele, tragisch für ein paar wenige: bei der letzten Sprengung werden zwei Ingenieure tödlich verletzt. Insgesamt verunglücken von den im täglichen Durchschnitt etwa 3000 Beschäftigten während des Baus insgesamt 67 Personen allein durch Unfälle tödlich. 133 erleiden schwere Verletzungen.
Am 6. Juli 1905 können auch im parallel geführten Stollen die beiden Enden verbunden werden, der längste Eisenbahntunnel der Welt steht kurz vor seiner Vollendung. Damit müssen sich die jungen Bundesbahnen auch erstmals damit beschäftigen, wie der Abschluss eines grossen Bauwerks gefeiert werden soll. Was sich nach einer schönen Aufgabe anhört, entpuppt sich als komplexer als gedacht: Einerseits gilt es eine Vielzahl von Anlässen zu koordinieren, von der Durchschlagsfeier über die Eröffnung des Bahnhofs Brig bis zur offiziellen Streckeneröffnungsfeier. Andererseits sind mit Bund, Kantonen und dem Nachbarland Italien verschiedene Akteure involviert. Heiss diskutiert wird etwa die Frage, wer zu welchen Anlässen eingeladen werden sollen: «Die Frage der Einladungen ist, wie Sie sagen, delikat und hochkomplex» gibt ein Funktionär der SBB zu Protokoll. Und er behält recht: So bemerkt etwa der Walliser Staatsrat in einem säuerlichen Brief an die in Lausanne ansässige SBB-Kreisdirektion I, dass bei der ersten Durchfahrt eines Zuges durch den neuen Tunnel am 25. Januar 1906 zwar Pressevertreter des Kantons Waadt mit an Bord waren, aber keine aus dem Wallis und das notabene auf eigenem Hoheitsgebiet. In einem anderen Schreiben weist wiederum die Kreisdirektion I die Tunnelbaugesellschaft darauf hin, für eine am 4. März 1906 geplante Fahrt durch den Simplontunnel ausschliesslich Lokalpolitiker einzuladen. Dies, um Bedeutung und Würde der offiziellen Eröffnungsfahrt Ende Mai 1906 nicht zu schmälern.
«Die Frage der Einladungen ist, wie Sie sagen, delikat und hochkomplex»
Feierlaune kommt schliesslich doch noch auf: Den Anfang bildet die Durchschlagsfeier am 2. April 1905, bei der die geladenen Gäste einen blumengeschmückten Bauzug besteigen und in der Tunnelmitte unter den Klängen des italienischen Königsmarschs und der Schweizer Nationalhymne der Öffnung des eisernen Tores beiwohnen. Der symbolische Akt wird von den Bischöfen von Novara und Sion begleitet, die das Bauwerk segnen.
Ein gutes Jahr später finden dann die offiziellen Eröffnungsfeierlichkeiten statt. Zu den Highlights bei diesen mehrtägigen Feierlichkeiten gehören etwa der Staatsbesuch von König Vittorio Emmanuele von Italien in Brig oder eine Rundfahrt auf drei Ozeandampfern im Hafen von Genua, notabene mit gehisster Schweizerflagge. Auch in den Kantonen, die sich finanziell am Projekt beteiligt haben, finden grössere Feiern statt.