Ich bin seit über zwanzig Jahren Barrierenwärterin. 1880 habe ich meinen Dienst bei den Vereinigten Schweizerbahnen (VSB) begonnen und seither nicht mehr aufgehört. Damals war ich noch jung. Man gab mir Arbeitskleider, oder besser gesagt, man drückte mir eine Männermontur in die Hand. Zu gross, zu schwer, völlig unpraktisch für unseren Alltag.
Als Barrierenwärterin ist der wichtigste Teil meiner Arbeit das Bedienen von Signalglocke und Schranke. Ich schliesse die Barrieren rechtzeitig vor dem Zug und öffne sie danach wieder. Ich muss aufmerksam sein, um Unfälle zu verhindern und den Zugverkehr sicher zu halten. So sorge ich auch dafür, dass niemand die Gleise betritt, wenn ein Zug kommt, was eine grosse Gefahr für die Menschen auf der Strasse und auch in den Zügen wäre.
Mein Arbeitsort liegt auf der Strecke zwischen Gossau und Wil im Kanton St. Gallen. Meinen Dienst habe ich in Flawil angetreten. Mein Arbeitsort ist ruhig: Vor mir erstreckt sich ein Wald, hinter mir liegt eine Wiese, auf der im Sommer die Kühe friedlich grasen. Diese idyllische Umgebung macht meine Arbeit besonders schön. Still ist es, wenn nicht viele Züge verkehren. Mittlerweile höre ich die Züge schon von weitem kommen.
Als 1898 das Volk über die Verstaatlichung der grossen Privatbahnen entschied, war ich gespannt und zugleich enttäuscht. Ich hätte für die Verstaatlichung gestimmt, durfte aber nicht mitentscheiden. Keine von uns durfte. Frauen haben kein Stimmrecht. Trotzdem hofften wir, zusammen mit unseren Kollegen, auf Verbesserungen. Auf Anerkennung, gerechte Löhne, vielleicht sogar ein wenig mehr Schutz. Viele glaubten, die Gründung der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) würde uns endlich zu echten Eisenbahnerinnen machen. So war es dann aber nicht.
«Ich hätte für die Verstaatlichung gestimmt, durfte aber nicht mitentscheiden. Keine von uns durfte. Frauen haben kein Stimmrecht.»
Mit der Gründung der SBB wurden die VSB mitverstaatlicht. Wir wurden übernommen, aber zu den alten Bedingungen. Die neuen Gehaltsregelungen galten nur für Beamte und ständige Angestellte, nicht für Leute wie mich, die ohne Vertrag mit Monatslohn angestellt sind. Und am Ende des Schreibens, das man uns zustellte, stand ein einziger Satz, der all unsere Hoffnungen zunichtemachte:
«Mit Ausschluss der Barrierenwärterinnen.» Das war niederschmetternd. Seit Jahren hoffen wir auf Verbesserungen. Wir erfüllen die gleichen Dienstvorschriften wie unsere männlichen Kollegen, stehen bei jedem Wetter draussen, bei Hitze, Kälte, Schnee. Unsere Schichten dauern zwölf Stunden am Stück.
Unsere Monatslöhne liegen zwischen 38 und 41 Franken. Ein Laib Brot kostet 40 Rappen. Rechnen Sie selbst, wie viel davon am Monatsende übrigbleibt. Viele von uns teilen sich kleine Stuben, ernähren sich spärlich. Und das trotz verantwortungsvoller Arbeit. Im Vergleich verdient ein Barrierenwärter mit der gleichen Arbeit mehr als doppelt so viel wie wir Frauen. Das sind ungefähr 95 Franken im Monat. Und ein Bahnwärter verdient zwischen 110 und 140 Franken im Monat, abhängig von seinen Dienstjahren bei der Bahn, und erhält zudem eine Dienstwohnung. Gerecht ist das nicht.
Zu Hause führe ich den Haushalt, koche, wasche und sorge für unsere drei Kinder. Die Doppelbelastung ist schwer, denn auch wenn ich nicht an der Barriere stehe, fordert mich die Verantwortung für die Familie sehr. Das Nebeneinander von Hausarbeit und Wärterinnenarbeit verlangt ein hohes Mass an Organisationstalent und fühlt sich oft an wie zwei Vollzeitstellen gleichzeitig. Die Kinder brauchen meine Aufmerksamkeit, und der Alltag verlangt viel Kraft.
Ruhezeiten gibt es nur auf dem Papier. Laut Fahrordnung passieren manchmal täglich 70 oder mehr Züge unsere Posten, oft dicht getaktet, kaum Verschnaufpausen. Wenn Extrazüge kursieren, ist die geplante Ruhezeit hinfällig. Es kommt nicht selten vor, dass wir selbst nach Schichtende wieder antreten müssen, weil kein Streckenwärter in der Nähe ist oder niemand sonst so kurzfristig einspringen kann. Selbst an unseren gesetzlichen Ruhetagen kommt manchmal der Befehl. Und wir kommen. Weil wir wissen, dass unsere Abwesenheit ein Risiko für die Leute, aber auch für unsere Tätigkeit bedeuten kann. Bleibt eine Barriere auch nur für eine einzige Durchfahrt unbewacht, können die Folgen fatal sein für Menschenleben und die Sicherheit auf der Strecke.
«Organisiert Euch! Gründet einen Barrierenwärterinnen-Verband!»
Freifahrten erhalten wir keine, obwohl wir täglich an der Barriere stehen. Nicht wie andere Angestellte. In eine Hilfs- oder Pensionskasse sind wir nicht aufgenommen. Unsere rechtliche Stellung ist unklar. Wir sind weder Arbeiterinnen noch Angestellte, keine Beamtinnen. Wir gehören zu keinem Stand. Und genau deshalb werden wir übergangen. Bei jeder Neuerung. Bei keiner Debatte sind wir inkludiert. Aber wir bleiben trotzdem da.
Noch immer ist unsere Bekleidung nicht geregelt. Der schwere «Kaput» ist ein Kleidungsstück aus einer anderen Welt. Für einen anderen Körper gemacht. Schwer, aus grobem Stoff, der sich bei Regen vollsaugt und bei Kälte nicht wärmt. Wir hoffen auf die Einführung des sogenannten Radmantels, besser angepasst, leichter, funktionaler. Er wäre ein kleiner Fortschritt. Von Hosen ist noch keine Rede. Sie sind gesellschaftlich und modisch für Frauen noch immer ein Tabu. Dabei bräuchte ich sie oft: bei Schnee und Eis, bei Sturm und Regen. Mein Rock klebt an den Beinen, wenn ich durch Matsch und Schnee zur Barriere eile. Beim Sprint zum Signal wird er mir nicht selten zum Hindernis. Aber auch da ändert sich schon seit langem nichts. Auch gefragt hat nie jemand, wie wir arbeiten oder was wir brauchen. Wir waren und sind da. Still, funktionierend. Es scheint, als würde unsere Geduld ebenso auf die Probe gestellt wie unsere Kraft.