Die Privatbahndirektoren zwischen Widerstand und Übergang
Nicht alle begrüssen den Entscheid zur Verstaatlichung. Besonders in den Führungsetagen der grossen Privatbahnen ist der Widerstand deutlich spürbar. Prominente Unternehmer wie Adolf Guyer-Zeller, unter anderem Präsident der Schweizerischen Nordostbahn sowie Initiator der Jungfraubahn und der Uerikon-Bauma-Bahn, äussern sich öffentlich gegen die Vorlage und werben mit Inseraten und Vorträgen für den Erhalt der privaten Bahngesellschaften. Die Privatbahnen versuchen die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass staatliche Kontrolle ineffizient und teuer sei. Die Kritik richtet sich gegen den staatlichen Eingriff in ein gewinnorientiertes Geschäftsfeld und gegen die befürchtete Entmachtung der bisherigen Leitung. Als sich jedoch die politische Mehrheit für die Verstaatlichung abzeichnet, beginnen die Verhandlungen mit dem Bund. Die Bahndirektionen sichern sich faire Übernahmeregelungen. Einige Verantwortliche bleiben später in beratenden Funktionen in der neuen Bundesstruktur tätig. So geht das Wissen der Technik und des Betriebs nicht verloren und bildet die neuen Grundlagen der SBB. Die operative Kontrolle geht jedoch vollständig auf den Staat über.
Aktienbesitz mit Hoffnung und Verlust
Während die Direktoren verhandeln, befürchten andere finanzielle Probleme. Zehntausende Bürgerinnen und Bürger haben ihr Geld in Bahnaktien investiert. Besonders bei der Nordostbahn oder der Centralbahn waren viele Aktien innerhalb des Schweizer Volkes breit gestreut und dienten als Altersvorsorge oder als finanzielle Absicherung. Für sie ist die Verstaatlichung keine ideologische Frage, sondern eine existenzielle. Die staatlichen Entschädigungen erfolgen zu festgelegten Kursen, die sich an den durchschnittlichen Börsenwerten der letzten Jahre orientieren, aber nicht alle profitieren. Dennoch akzeptieren viele den Verlust in der Hoffnung, dass der Staat es besser macht als die privaten Eisenbahngesellschaften. Im Vergleich erhielten Eigentümerinnen und Eigentümer der Privatbahnen teils grosszügige Entschädigungen, was die Akzeptanz der Verstaatlichung erhöhte. Die Bahn soll der Allgemeinheit dienen und nicht länger dem Profit.
«Besonders bei der Nordostbahn oder der Centralbahn waren viele Aktien innerhalb des Schweizer Volkes breit gestreut und dienten als finanzielle Absicherung. Für sie ist die Verstaatlichung keine ideologische Frage, sondern eine existenzielle.»
Die Stimme der Arbeiterinnen und Arbeitern
Unter den Eisenbahnerinnen und Eisenbahnern war die Unterstützung für die Verstaatlichung gross. Viele von ihnen hatten über Jahre unter den Arbeitsbedingungen bei den Privatbahnen gelitten. Schichtarbeit ohne verbindliche Pausenregelung, niedrige Löhne und keine gesicherte Altersvorsorge prägten ihren Alltag. Die Unterschiede zwischen den Bahngesellschaften waren beträchtlich, ebenso die Ungleichbehandlung zwischen Arbeiterinnen und Arbeitern und höheren Angestellten.
Schon in den frühen 1890er-Jahren begannen sich Eisenbahnerinnen und Eisenbahner in Berufsverbänden zu organisieren. Die Hoffnung war, dass mit einer Bundesbahn endlich einheitliche und fairere Bedingungen geschaffen würden. Obwohl manche Eisenbahner nicht direkt abstimmen konnten, da sie häufig weder im Heimatkanton registriert noch eingebürgert waren, engagierten sie sich aktiv und warben in ihrem Umfeld für ein «Ja» oder ein «Nein». Viele unterstützten jedoch die Kampagnen der Verstaatlichungsbefürworter, sammelten Unterschriften und diskutierten in Gasthäusern und Vereinslokalen.
«Obwohl viele Eisenbahner nicht direkt abstimmen konnten, da sie häufig weder im Heimatkanton registriert noch eingebürgert waren, engagierten sie sich aktiv und warben in ihrem Umfeld für ein «Ja» oder ein «Nein».»